Chronik des TVG von 1933 bis 1960

4. Die Zeit von 1933-1945. 
Die Folgen der Machtergreifung im Januar 1933 schnitten tief in das Vereinsleben ein. Am 21.03.1933 zog ein Fackelzug von 150 Turnern durch das Dorf zur Feier der ersten Reichstagssitzung.
 Neue Begriffe wurden geprägt. Der Vorsitzende wurde Vereinsführer; es gab einen Wehrwart und ein Wehrturnen, neue Richtlinien wurden herausgegeben; bei der Sitzung am 22.04.1933 wurde der Kauf eines Bildes von Adolf Hitler beschlossen, und am 25.05.1933 wurde die Tagung erstmals mit dem Deutschlandlied und dem Horst-Wessel-Lied beendet.



An dieser Stelle wollen wir die Gelegenheit ergreifen, einiges über politische Strömungen in der Geschichte der deutschen Turnerei zu berichten, die viel Unfrieden und Disharmonie (auch in unserem Ort) stifteten. Wir müssen dazu weiter ausholen:



a) Geschichtlicher Überblick über die Entwicklung der deutschen Turnerbewegung. 
Die sich langsam entwickelnde Einheit der deutschen Turnerbewegung fand über die Stationen Coburg 1860 und endgültig über Weimar 1868 mit der Gründung der parteipolitischen neutralen deutschen Turnerschaft ihren sichtbaren Ausdruck. Als aber die Führung der deutschen Turnerschaft mehr und mehr das Ideengut der Bismarckschen Politik unterstützte, gründeten die ,,Arbeiterturner", gefördert von den Sozialdemokraten, 1893 in Gera einen eigenen Verband, dessen Ziele aus einem programmatischen Leitartikel der ersten Ausgabe der 1893 erschienenen Arbeiter-Turnzeitung (ATZ) hervorging.

Ein altes, verfaultes System mit Stumpf und Stiel auszurotten, alte Ruinen niederzureißen, damit neues Leben aus ihnen erblühe".

 1896 erfolgte dann die Umbenennung des ,,Freien-Arbeiter-Turnerbundes" in ,,Arbeiter Turnerbund" (ATB). 1899 trat mit dem Gruß ,,Frei Heil" eine Unterscheidung gegenüber dem Gruß der Turner der Deutschen Turnerschaft (DT) ein, und es erfolgte alsdann auch die Änderung des Emblems: die vier F für ,,Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei" wurden ersetzt durch ein unter den zwei F stehendes T mit einem das Ganze umschlingenden 5 für ,,Frisch, Frei, Stark, Treu". 
Nach dem 1. Weltkrieg wurde der ATB in ,,Arbeiter-Turnund Sportbund" (ATSB) umbenannt.

In ihren fachlichen Überzeugungen lagen jedoch die ,,feindlichen Brüder" - DT und ATSB - sehr eng beieinander. 
Die erste große Demonstration des Arbeitersports in Deutschland stellte das ATSB-Bundesfest 1922 in Leipzig dar und 1925 kam es zur ersten Arbeiter-Olympiade in Frankfurt. 
Der ATSB entwickelte sich zur bedeutsamsten Organisation der Arbeitersportbewegung (Naturfreunde, Arbeiter-Radfahrerbund Solidarität, Arbeiter-Athletenbund u.a.m.) und zählte am Ende der Weimarer Republik über 750.000 Mitglieder. 


Im Dritten Reich, nach 1933, wurde der Arbeiter-Turnund Sportbund aufgelöst und auch die Deutsche Turnerschaft in den Reichsbund für Leibesübungen überführt. 
Nach dem zweiten Weltkrieg gründeten Turner der DT und des ATSB zunächst 1947 den Arbeitsausschuss Turnen und 1950 den Deutschen Turner-Bund (DTB). 
Im DTB sind heute über 13.000 Vereine organisiert. Über 1.200 Vereine sind mehr als 100 Jahre alt. Etwa 200 der DTB-Vereine sind älter als 135 Jahre und 4 älter als 150 Jahre. 
Dies sind:

  • Hamburger Turnerschaft von 1816
  • Mainzer Turnerschaft 1817
  • Turnverein Offenbach 1824
  • Turnverein Pforzheim 1834



b) Rückblick auf die Entwicklung in Großsachsen
. Der Arbeiter-Turn- und Sportbund gründete sich in Großsachsen 1921 unter dem Namen "Turn- und Sport-Verein Großsachsen". Dies hatte zur Folge, dass eine Anzahl Sympathisanten ihren Austritt aus dem TVG erklärten und zu dem neu gegründeten Turn- und Sportverein überwechselten. Daraus erwuchsen Ärger und Streit zwischen den beiden konkurrierenden Vereinen und den jeweiligen Mitgliedern, der sich über Jahre hinzog.

Der TVG war zwar immer der Verein mit der höheren Mitgliederzahl, aber auch die ,,Freien Turner", wie sie sich noch nannten, waren stolz auf ihre eigene Fahne, stellten eine Handballmannschaft und besaßen gute Geräteturner und Leichtathleten. 
Leider sind schriftliche Unterlagen über diesen Verein, über Mitglieder und sportliche Aktivitäten nicht mehr vorhanden; auch in den Protokollen des TVG finden sich keine näheren Hinweise auf das Vereinsleben des Turn- und Sport-Vereins. 
Aus den Akten geht nur die dauernde Konkurrenz der beiden Vereine um die Benutzungszeiten auf dem Sportplatz im Tal hervor.

Offensichtlich musste auch damals schon der Gemeinderat Schiedsrichter spielen. 
Nach der Machtübernahme am 30.01.1933 durch die Nationalsozialisten wurden die Arbeiterturnvereine aufgelöst. Sie passten nicht in das nun herrschende Regime. Das Vermögen dieser Vereine wurde beschlagnahmt, eingezogen und im Falle des Turn- und Sportvereins Großsachsen vom TVG übernommen. 
In der wohl letzten Sitzung am 29.03.1933 beauftragte der Vorstand des Turn- und Sport-Vereins Großsachsen seinen Turnrat damit, Verhandlungen wegen der ,,Zusammenschmelzung" mit dem Verwaltungsrat des TVG zu führen. 
Durch Beschluss des Reichsbundes für Leibesübungen mussten die Angehörigen des Turn- und Sport-Vereins mit dem Antrag zur Aufnahme in den TVG eine Erklärung unterschreiben, in welcher sie sich verpflichteten, insbesondere die Pflege des deutschen Volksbewußtseins und vaterländischer Gesinnung..." genau einzuhalten. Gleichzeitig musste ein vertrauenswürdiger Bürge benannt werden. Erst nach Prüfung und Genehmigung durch die Partei beim Bezirksamt Weinheim konnte die Aufnahme in den TVG erfolgen. 
Es liegen keine genauen Zahlen vor; aber aus Liebe zum Turnen und zur Sache des Sports haben damals die meisten der Freien Turner ihren Beitritt zum TVG erklärt. 


Vom 22. -30.07.1933 war das Deutsche Turnfest in Stuttgart. Obwohl unser Verein dort mit 15 Festbummlern vertreten war; war man nicht in der Lage, aktive Turner zu melden. 
Das Jahr 1934 brachte wieder viel Arbeit, denn man hatte beschlossen, die Turnhalle umzubauen und zu erweitern. Auch jetzt wurde der Löwenanteil der Arbeit wieder in Form freiwilliger Arbeitsstunden verrichtet. Hierbei ist der spätere Oberturnwart Nikolaus Dörsam mit 274 Arbeitsstunden besonders hervorzuheben. 


Nach dem Umbau konnte die Turnhalle am 13.10.1934 noch einmal eingeweiht werden. 
An Ostern 1934 fand eine Begegnung mit Turnfreunden aus Wiebelskirchen/Saar in Großsachsen statt; ein Gegenbesuch erfolgte ein Jahr später. Außer sportlichen Wettkämpfen gab es - der Zeit gemäß - viele Treuekundgebungen, Reden und Hymnen unter dem Motto: ,,Deutsch ist die Saar". 


Am 25.01.1936 wählte die Generalversammlung den seitherigen Schriftführer Philipp Johe zum
1. Vorsitzenden, Adam Schröder wurde Schriftführer. 
Die klangvollen Olympia-Fanfaren von 1936 konnten das heraufziehende Weltgewitter nicht übertönen. Vorahnungen der großen blutigen Auseinandersetzungen unseres Jahrhunderts begannen sich offensichtlich immer mehr auch auf das Vereinsgeschehen auszuwirken. Existenzielle Fragen traten in den Vordergrund; Aufzeichnungen über die Jahre 1937-1945 fehlen gänzlich.

Was blieb, ist die leidvolle Erinnerung der Kriegsgenerationen und der Wille der Heimgekehrten, zum zweiten Mal neu zu beginnen.



5. Der Neubeginn nach dem 2. Weltkrieg
. Groß waren die Opfer an Menschenleben, die nach dem Schrecken des Krieges auch in unserem Dorf zu beklagen waren. 137 Mitbürger blieben als Gefallene auf den Schlachtfeldern, darunter viele Mitglieder unseres Vereins. 


Erinnern wir uns an die Jahre nach 1945; nur wenn wir uns die damalige Situation vor Augen führen, können wir den Neubeginn, die Aufbauarbeit der damals im Verein Verantwortlichen so recht würdigen. Der Strom der Ausgebombten und Heimatvertriebenen ließ die Einwohnerzahl von 1.200 auf 2.000 ansteigen, es herrschte Wohnungsnot, oftmals Hunger und Mangel am Notwendigsten. Der Schwarzhandel blühte. Die Besatzer räumten die Häuser ganzer Straßenzüge. Die Entnazifizierungskampagne lief auf Hochtouren, Denunziationen waren nicht selten. 


All diesen Widerwärtigkeiten zum Trotz fand schon am 06.07.1946 die erste Generalversammlung statt, in der ein verjüngter Vorstand die Geschicke des Vereins neu anpackte:

  • 1. Vorsitzender: Hans Dallinger
  • Schriftführer: Erich Dallinger
  • Rechner: Fritz Haas
  • Sportwart: Fritz Iselin
  • Beisitzer: Josef Würz